03 Nov. SIE BRAUCHEN KEIN WEITERES MODELL.
Wirkung statt Wow
Nur zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind emotional hoch gebunden. Das Problem daran: Wir antworten mit Folien statt mit Führung. Was wirklich wirkt, passt in eine Kaffeepause und fängt am nächsten Montag an.
Karl Turner, Inhaber der Kölner Agentur turner & friends · 03.11.2026
Neulich habe ich bei einem Kunden gezählt. Nicht die Teilnehmenden der letzten Tagung, sondern die Modelle auf seinem Schreibtisch: ein Leitbild, ein Kompetenzmodell, einen Kulturrahmen, ein Führungsverständnis und einen Ordner mit dem Titel „Leadership Journey 2027“. Ich habe gefragt, wie viel davon sein Team schon wahrgenommen hat. Er hat gelacht. Dann hat er nicht mehr gelacht.
Da habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn weniger Papier mehr Führung bedeutet?
Seit gut einem Jahr schreibe ich hier darüber, was nicht bindet: Applaus nicht, Kontrolle nicht, Leitbilder an der Wand nicht, gestrichene Events schon gar nicht. Heute will ich Führung einfach machen.
Zwölf Monate, ein Satz
Laut Gallup Engagement Index Deutschland 2025 sind nur 10 Prozent der Beschäftigten in Deutschland emotional hoch gebunden, 77 Prozent nur gering. Studienleiter Marco Nink nennt das kein Einstellungs-, sondern ein Führungsproblem.
Noch mehr hat mich eine andere Zahl beschäftigt: Laut Gallup sind nur 12 Prozent der Führungskräfte in Deutschland selbst emotional an ihr Unternehmen gebunden, und nur 27 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle unterstützt. Gallup vergleicht das mit dem Versuch, eine leere Batterie mit einer leeren Batterie zu laden. Ich würde ergänzen: und dann noch eine 80-seitige PowerPoint als Bedienungsanleitung fürs Ladegerät ins Intranet zu stellen.
Die gute Nachricht steht im selben Bericht. In Unternehmen, die aktiv an ihrer Führung arbeiten, sind 40 Prozent hoch gebunden. Das ist also kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung.
Meine These: Emotionale Bindung entsteht nicht durch Modelle, sondern durch erlebte Führung in echter Begegnung.
Google brauchte 10.000 Datenpunkte für das Offensichtliche
Wie unspektakulär das ist, hat ausgerechnet Google herausgefunden, ein Unternehmen, das Probleme normalerweise mit Daten erschlägt. Im „Project Oxygen“ werteten Googles Analysten ab 2009 mehr als 10.000 Beobachtungen über ihre Manager aus. Das Ergebnis: Gute Chefs bleiben ruhig, nehmen sich Zeit für Einzelgespräche, stellen Fragen, statt Lösungen zu diktieren, und interessieren sich für ihre Leute. Technische Brillanz landete auf dem letzten Platz. Personalchef Laszlo Bock reagierte sinngemäß mit: „Das soll alles sein?“ Ja. Das ist alles.
Die Harvard-Forscherin Teresa Amabile kommt aus einer anderen Richtung zum selben Punkt. Sie hat rund 12.000 Tagebucheinträge von 238 Beschäftigten ausgewertet. Ihr Ergebnis: Was einen guten Arbeitstag ausmacht, ist kein Bonus und kein Obstkorb, sondern das Gefühl, bei sinnvoller Arbeit ein Stück vorangekommen zu sein. Ob das gelingt, entscheidet sich selten im Strategiepapier. Es entscheidet sich an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, wenn eine Führungskraft fragt: „Was hält dich gerade auf?“ Und dann hilft. Vielleicht unterschätzen wir das so gern, weil man ein Modell im Vorstand präsentieren kann. Eine gute Frage am Dienstag eben nicht.
Drei Gewohnheiten ab dem kommenden Montag
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Eine Frage pro Woche.
Laut Gallup prägt ein bedeutsames Gespräch pro Woche mit jedem Teammitglied die Beziehung stärker als jede andere Führungsaktivität. Dafür reichen 15 Minuten, solange sie regelmäßig sind. Die Frage: „Was hat Sie letzte Woche weitergebracht, und was hat Sie gebremst?“ Dann zuhören und eine „Bremse“ lösen. Ein Formular oder ein Tool brauchen Sie dafür nicht, nur einen Kaffee oder Tee. -
Danke sagen, konkret und rechtzeitig.
Der renommierte Managementprofessor Peter Cappelli von der Wharton School an der Universität Pennsylvania hat mit KollegInnen in einer Handelskette untersucht, was passiert, wenn Vorgesetzte Geburtstagsgrüße zu spät überreichen. Die Fehlzeiten stiegen um 50 Prozent an. Fünfzig Prozent, wegen einer Karte! Ich finde das absurd und völlig logisch zugleich, denn kleine Gesten wirken am stärksten, wenn sie fehlen. Dann leider in eine ungewollte Richtung. -
Der nächsten großen persönlichen Begegnung einen Auftrag geben.
Bevor Sie über Location und Speaker reden, vervollständigen Sie einen Satz: „Nach dem Event soll bei uns möglich sein, dass …“ Das ist die Frage, an der jede Veranstaltung hängt.
Mehr braucht es nicht, kein Reifegradmodell und keinen Typentest mit vier Farben. Nach drei Wochen macht es sogar Spaß, weil Sie Dinge erfahren, die in keinem Reporting stehen.
Was und wen es braucht
Zuerst brauchen Sie sich selbst. Präsenz lässt sich nicht delegieren. Emotionale Bindung entsteht nicht durch die eine mitreißende Rede im Jahr. Sie entsteht, wenn jemand merkt: Meine Chefin weiß, woran ich gerade arbeite, und sie fragt ehrlich interessiert nach. Nicht einmal, sondern immer wieder.
Dann brauchen Sie jemanden, der Ihnen ehrlich sagt, wie Sie selbst ankommen. Und zwar nicht einen von denen, die immer nicken. Das kann eine Kollegin oder ein Kollege sein, Ihr Team oder ein Sparringspartner von außen, der seit über zwanzig Jahren erlebt, wie Führungskräfte vor ihren Leuten stehen. Zufällig kenne ich da einen. Er verkauft Ihnen kein Modell. Er hat nur viele unterstützende Fragen und einen ziemlich guten Kaffee.
Und jetzt Sie
Live-Kommunikation als Systemkommunikation heißt für mich: Die große Tagung verstärkt, was im Alltag schon da ist. Sie ersetzt es nicht.
Welche eine Frage stellen Sie Ihrem Team am nächsten Montag? Und welche Gewohnheit haben Sie sich schon dreimal vorgenommen?
Schreiben Sie mir. Wenn Sie mögen, bin ich auch gerne Ihr Sparringspartner.
mail@turner-and-friends.de · +49 (0)221 30196241